Markt und Meinung - Mai 2009
Gott sei Dank, die Welt geht unter
Asterix und Obelix, dem kleinen und dem dicken Gallier, haben wir ungezählte Weisheiten und Einsichten für die Ewigkeit zu verdanken. Zu den sprachlich schönsten und inhaltlich stimmigsten zählt wohl: „Die spinnen, die Römer!“. Schon damals war das offenbar mit den Supermächten so eine Sache. Eine Zeit lang sind sie als Regulativ praktisch unentbehrlich, danach braucht sie kein Mensch mehr.
Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Lebten der Kleine und der Dicke im 21. Jahrhundert, lautete ihr Diktum zweifellos: „Die spinnen, die Amerikaner!“. Selbstverständlich mit einem Augenzwinkern, mit aller Toleranz und mit dem nötigen Respekt für die historische Leistung, dass der Amerikaner als Weltpolizist vorzugsweise Kriege dort führt, wo die größten Ölreserven vermutet werden oder andere ökonomische Interessen unübersehbar sind. Geschichte wiederholt sich, wusste schon Karl Marx, der vermeintlich faule Apfel im Obstkorb des globalen Kapitals. Asterix und Obelix brauchte er dafür nicht zu kennen.
Wo Sie, lieber Leser, gerade „spinnen“ erwähnen: Vor ein paar Tagen schrieb das „Handelsblatt“ über die Evangelikalen Christen in den USA, eine der ungezählten Religionsgruppen in „god’s own country“. Seit Mitte der 90er Jahre veröffentlichen die Evangelikalen im Internet einen täglich aktualisierten „Erlösungsindex“. Dieses Barometer ist ein Indikator für die momentane Wahrscheinlichkeit des Weltuntergangs. Je schlechter die nachrichtliche Gemengelage, verbreitet über CNN & Co., desto näher das letzte Stündlein und somit die Erlösung.
Klar, dass der Index momentan beinahe auf seinem Allzeit-Top notiert. Höher stand er nur nach den Mordanschlägen des 11. September 2001. Das – empirisch neuerdings nachgewiesene – Witzige an der ganzen Sache ist, dass es den Evangelikalen in den USA umso besser geht, je höher der Index steht. Sie konsumieren, sie investieren. Vor allem die Häuserpreise in jenen Regionen mit überdurchschnittlicher Evangelikalen-Dichte sind deutlich weniger gefallen als im Rest der USA. Einfach weil die Menschen dort, euphorisiert durch den hohen Stand des Erlösungs-Indexes, verstärkt eigene vier Wände gekauft haben. Die Frage muss erlaubt sein, weshalb man noch ein neues Heim mit Garten und Garage braucht, wenn in den nächsten Tagen die Welt untergeht. Ein warmes Plätzchen gleich unter der Brücke täte es doch auch. Die spinnen, die Amerikaner.
Was dies alles mit dem eigentlichen Thema unserer heutigen Kolumne, der Inflation, zu tun hat? Eigentlich nichts, rein gar nichts. Aber unterhaltsam und originell ist die ganze Sache schon. Vor allem dazu angetan, unsere gepflegten Vorurteile gegenüber den US-Amerikanern zu kultivieren und durch eine weitere Nuance anzureichern. Doch bei genauerer Betrachtung ist der „Erlösungs-Index“ und was die Evangelikalen Christen aus ihm ableiten, sehr bezeichnend für menschliche Verhaltensmuster.
Wir alle, ob nun Familienmensch oder Einsiedler, Konsument oder Anleger, verhalten uns häufig denkbar irrational. In guten wie in schlechten Zeiten treffen Herz und Bauch Entscheidungen, statt diese dem Verstand zu überlassen. Genau das droht Investoren momentan wieder einmal. Zu einem Zeitpunkt, da sie sich einer Weggabelung gegenübersehen. Links geht’s in Richtung Deflation, rechts in Richtung Inflation. Für beide gibt es durchaus plausible Gründe. Und weil dies so ist, verlassen sich viele Anleger auf ihr Gefühl. Was sich einmal mehr als fatal erweisen könnte.
Bei aller Zurückhaltung und Vorsicht: Tatsache scheint, dass mehr Fakten für eine mittelfristig deutlich höhere Inflation sprechen als für deflationäre Tendenzen. Die großen Notenbanken fluten die Geldmärkte mit Liquidität. Falls es ihnen nicht gelingt, das bedruckte Papier wieder einzufangen, droht erhebliches Ungemach. Die G20-Staaten geben rund fünf Billionen Dollar, das ist eine Zahl mit 12 Nullen, für Konjunkturprogramme, Bürgschaften, Kapitalspritzen, Garantien und und und aus. Das geht nur über eine gigantische Neuverschuldung und zulasten der nachwachsenden Generationen.
Die Staaten dürften, auch wenn dies nicht offen kommuniziert wird, erheblich an einer Entschuldung durch Reflationierung interessiert sein. Namhafte Wissenschaftler wie Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), prognostizieren seit langem nicht mehr gekannte Inflationsraten. Für Deutschland zum Beispiel bis zehn Prozent bereits in Kürze.
Wer als Anleger das Gleiche denkt, für den gibt es nur eine Devise: Substanz und Sachwert schlagen Papier. Also raus aus Staatsanleihen, Spar-, Tages- und Festgeldkonten. Und rein in als inflationsschützende Investments geltende Anlageformen wie Immobilien, Edelmetalle und – gleichwohl mit gebremstem Schaum – Aktien. Das höchste der Gefühle im Papiersektor sind inflationsindexierte Anleihen, die auch von Industrieländern emittiert wurden.
Ob das alles so kommt? Wer weiß das schon? Vielleicht spinnen nicht nur die Römer, die US-Amerikaner, sondern auch alle, die von Inflation reden. Ein paar Sachwerte ins Portfolio zu packen und nicht nur bedrucktes Papier kann aber nie falsch sein.





